Lintorfer Dschungel oder riesiges Baugebiet

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Lintorf. Andreas Achenbach lebt sei gut zwei Jahren in Lintorf. Während der Coronapandemie hat er zwei Bücher geschrieben. Der Lintorfer berichtete darüber (Der vierte Weg oder Wie Corona eine Familie zerstört und Andreas F. Achenbachs neuer Roman erschienen). Gemeinsam mit einer Nachbarin hat er den „Lintorfer Dschungel“ entdeckt. So beschreibt Achenbach das Gelände an der Rehhecke zwischen A52, Breitscheider Weg und Vodafone, das als Baugebiet vorgesehen ist. Der Projektentwickler „Die Wohnkompanie“ plant hier ein Wohnbauprojekt mit rund 1300 Wohneinheiten. Eigentlich wollte das Unternehmen 2022 mit der Erschließung beginnen. Andreas Achenbach hat dem Lintorfer seine Eindrücke zu dem Gelände geschickt. Die Redaktion veröffentlicht diese gerne.

„Ich wohne seit gut zweieinhalb Jahren in Lintorf. Vom Laubengang im vierten Stock unseres Hauses Am Potekamp aus sah ich seit Monaten in Richtung des Waldes an der Rehhecke mit dem Verwaltungsgebäude von Hünnebeck im linken Hintergrund eine rote Wand, die ich als Wohnhaus im Wald vermutete und mich neugierig werden ließ. Und hatte das vielleicht mit dem Namen Rehhecke zu tun? Auch eine Nachbarin, mit der ich seit einigen Monaten öfter Spaziergänge in der Umgebung mache, konnte mir nichts zu diesem ominösen Haus sagen. Eines Tage wurde meine Neugier aber so groß, dass wir kurz vor Ostern beschlossen, der geheimnisvollen Sache endlich auf den Grund zu gehen.

Andreas F. Achenbach (Foto: privat)

Wir suchten von der Rehhecke aus eine erste Orientierung zwischen den weiter entfernten Baumgruppen zu finden, denn gerade begann der Wald ja erst voll zu ergrünen und viele Sträucher fingen zu blühen an. Aber vom öffentlichen Gehweg aus war einfach nichts Rotes mehr zu erkennen. So suchten wir nach einem möglichen Einstieg in den Wald, den wir dann einige Meter Richtung Aldi vom Brückengeländer entfernt fanden, wo wir bis Mitte März noch ein Wasserrinnsal beobachten konnten, das unter der Straße durchlief. Jetzt aber gab es dort statt Wasser erste Brennnesseln und anderen Grünbewuchs, der den Graben von Woche zu Woche mehr zuwachsen ließ; und ab Ostern gab es überhaupt kein Wasser mehr.

Zwischen einem Holunder und anderen Büschen tat sich plötzlich einen Meter hinter dem Zugang auf einem schmalen Pfad ein Blick in wilde Natur auf. Allerdings wurde dieser schon nach wenigen Schritten getrübt, da offensichtlich hierhin schon länger Grünschnittabfälle wahllos beseitigt werden, und das sicher schon seit Jahren, denn der Platz zeigt mehrere Aufschichtungen von groben Garten- und Terrassenabfällen – und ein entsorgter Buschballen lässt wieder seine Blätter sprießen.

Neugierig und voller Aufmerksamkeit folgten wir dem schmalen Pfad, der dann weiter in den Wald führte und wohl von Hundebesitzern genutzt wird, um den Vierbeinern auf der großen Wiese hinter dem Waldstück Auslauf zu geben, den Hunde durchaus dankbar annehmen und brauchen, wenn sie in einer Stadt leben. Nach etwa 50 Metern sahen wir rechts vom Weg einen Tümpel und vernahmen Schnattergeräusche. Als wir über Wurzeln kletternd an den Uferrand des Biotops kamen, sahen wir eine total wilde Landschaft mit einem Teich, in dem Baumstämme liegen und etlicher Müll aus Plastik und Alu schwimmt, meist sogar Pfandgut. Auf einem quer im trüben Wasser liegenden Stamm saß eine Ente, der dazugehörige Erpel schwamm im Wasser davor. Ein ungewohntes schönes Bild. Als dann die Sonne noch durch die hohen Wipfel der umstehenden zahlreichen zum Teil sehr alten Bäume wie Eichen, Birken und Schwarzbuchen schien, wurde der Natureindruck perfekt. Voller Freude über soviel Naturglanz wurden wir überwältigt von der Stille so nahe an der Straße und doch auch dann enttäuscht, als wir neben den üblichen Abfällen wie Bonbontüten, Flaschen und Dosen im Wasser zwei Korbsessel, einen Holzstuhl aus der Grundschule und etliche andere Utensilien entdeckten – und Beschmierungen mit Sprayfarben an etlichen Bäumen. Das Schlimmste aber bedeutete uns eine kleine Feuerstelle mitten im Wald am direkten Ufer des Tümpels. Wie unverantwortlich und dumm – besonders in Zeiten großer Dürre – ist das denn?
Nach einigen Minuten, in denen wir uns gegen die Trauer über so viel menschliches Versagen und Rücksichtlosigkeit gegenüber der Natur innerlich wehrten, weil die Freude über die sonstigen paradiesisch empfundenen Zustände verloren zu gehen schien, verfolgten wir den schmalen Pfad weiter und erlebten eine Überraschung nach der anderen. Rehe sahen wir zwar keine, aber die sog. Hecke entfaltete eine Anmut wie in einem lichtdurchfluteten kleinen Paradies am Rande der Siedlung. Die Vielfalt der gerade zu blühen beginnenden Pflanzen war überwältigend. Das ständig wechselnde Sonnenlicht erhöhte die Begeisterung für dieses Idyll. Aber vom roten Haus sahen wir noch immer nichts, bis plötzlich am Zaun zu Hünnebeck, an dessen weiträumiges Lager-Areal dieser Wald anstößt, ein Stapel roter Schalbretter auftauchte, haushoch. Das musste die Täuschung ausgelöst haben. Endlich fand ich Gewissheit, dass es kein Haus hier im oder am Rande des Lintorfer Dschungels gab, der uns aber weiter zur Entdeckung reizte.

Also verfolgten wir nun den Pfad durch den hier lichter werdenden Wald weiter und näherten uns voller Fragen, wohin er uns führen würde, dem Ausgang. Plötzlich standen wir vor einer Wiese, auf der das Gras fast 30 Zentimeter hoch gewachsen war und sicher bald zu Heu werden würde. Der schmale Weg führte dann durch diese Wiese und schon nach circa 30 Metern auf einen quer dazu verlaufenden weiteren Trampelpfad, dem wir bis zu einem kleinen Bach folgten, über den man mit einigem Mut springen konnte. An seinem Richtung Vodafone gelegenen Uferseite hatte ein Bauer wohl gerade Mais gesät, denn erste grüne Spitzen sprossen aus dem groben Ackerboden, der sich fast bis zum fernen Horizont Richtung B52 erstreckt. Über die hier endende Stichstraße entlang des Vodafone-Grundstücks Rehhecke 50 gelangt man dann zurück auf die Hauptstraße.

Seit damals gehen wir diesen Weg mindestens ein bis zwei Mal in der Woche und erfreuen uns an der wuchernden Wildnis. Abschreckend wirkt die gewaltige Menge an Herkulespflanzen vom Typ Riesen-Bärenklau, mit deren Entfernung der Bauer wohl gerade begonnen hat. Heute liegt der Müll noch immer im Wasser, das inzwischen um einen halben Meter mindestens abgesackt ist, zwar noch mit Schilf aber austrocknend aus Wassermangel. Die Enten sind geflohen und leben jetzt im kleinen kultivierten Teich bei Vodafone zusammen mit Kröten, deren Gequake uns erfreut, wenn immer wir es hören. Der auch nach der erfolgten Heuernte noch sichtbare Trampelpfad führt inzwischen nach Überqueren des nun ausgetrockneten Bachbetts durch eine fast zwei Meter hohe Maisplantage, in der man sich verlaufen oder verstecken könnte – oder jemand retten (wie beim Catcher in the Rye). Wie lange noch?

Nach Gerüchten über die künftige Verwendung dieses von uns liebe- und sehnsuchtsvoll ‚Lintorfer Dschungel‘ genannten Biotops bleiben Fragen offen wie: Was geschieht mit dem Müll? Wie kann man einen Brand durch unbedarfte Jugendliche verhindern (denn die wurden dort schon gesichtet)? Was plant die Kommune für dieses wahre, wilde und doch schöne Stück Natur, auch wenn es nur von wenigen genutzt wird?“

Foto: Andreas F. Achenbach