Rund 30 Ehrenamtliche kamen am Wochenende in Hilden zusammen, um sich auszutauschen, einander zuzuhören und eine Frage zu vertiefen, die für viele ältere Menschen über Wochen oder Monate hinweg alles überschattet: Die kommt man gut durch die Begutachtung durch den Medizinischen Dienst?
Die Pflegescouts sind ein Netzwerk von Ehrenamtlichen, die Menschen bei der Beantragung von Pflegeleistungen begleitet. Am Wochenende hielten sie ihre Jahrestagung ab und stellten dabei einmal mehr unter Beweis, wie viel geduldige Arbeit hinter einem einzigen Wort steckt: Pflegegrad.
Im Mittelpunkt des Tages stand ein ausführlicher Vortrag von Ursula Berns. Sie war fast zwanzig Jahre lang freiberuflich als Gutachterin für den Medizinischen Dienst tätig und zählt heute zu den profiliertesten Stimmen in der Pflegebegutachtung. Ihre Botschaft an die versammelten Pflegescouts war so klar wie eindringlich: Eine gute Vorbereitung ist oft entscheidend dafür, ob ein Mensch die Unterstützung erhält, die ihm zusteht.
Das Budget wird nicht ausgeschöpft
Berns unterlegte ihren Vortrag mit Zahlen, die aufhorchen lassen. Ende 2025 bezogen rund sechs Millionen Menschen in Deutschland Leistungen der sozialen Pflegeversicherung, doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren.
Gleichzeitig, so rechnete Berns vor, verfallen jährlich etwa zwölf Milliarden Euro an Pflegeleistungen ungenutzt.
Der monatliche Entlastungsbetrag bleibe bei rund achtzig Prozent der Berechtigten schlicht liegen und die Budgets für
Verhinderungs- und Kurzzeitpflege würden von neunzig Prozent der Anspruchsberechtigten nicht ausgeschöpft.
Ein System, das auf dem Papier großzügig ist, in der Praxis aber viele überfordert, weil ihnen die Kraft, das Wissen
oder schlicht eine ansprechbare Person fehlt, die sie durch den Antragsdschungel führt.
Genau hier setzen die Pflegescouts an.
Berns machte deutlich, wie sehr sie deren Einsatz aus eigener Erfahrung als Gutachterin zu schätzen gelernt hat.
Wenn ein Pflegescout den Antragsteller begleitet habe, sei die Begutachtung in aller Regel gerechter verlaufen, schlicht,
weil der Mensch besser vorbereitet gewesen sei.
Sie riet den Ehrenamtlichen, mit den Betroffenen zwei Wochen vor dem Termin ein Pflegetagebuch zu führen.
Dieses sollte sich an den sechs Modulen des Begutachtungsverfahrens orientieren.
Mobilität, kognitive und kommunikative Fähigkeiten, Verhaltensweisen und psychische Problemlagen, Selbstversorgung,
der Umgang mit krankheitsbedingten Anforderungen sowie die Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte.
Entscheidend sei dabei, jede noch so kleine Verrichtung festzuhalten, auch jene, die Angehörigen längst selbstverständlich
erscheinen, wie das tägliche Reinigen einer Brille, wenn ein Mensch mit Demenz sie sonst nicht mehr findet.
Berns schilderte besonders eindrücklich, wie sehr das, was sie „Fassadenhaltung“ nannte, die Begutachtung verzerren kann.
Menschen mit Demenz, die sich im einstündigen Gespräch mit dem Gutachter noch einmal zusammenreißen, aufstehen und freundlich grüßen, während der Alltag zu Hause ganz anders aussieht. Wer die Wohnung vor dem Besuch aufräumt, den Rollator versteckt oder die Stolperfalle wegräumt, an der schon mehrfach jemand gestürzt ist, tut den Betroffenen keinen Gefallen. Es gehe nicht darum, jemanden bloßzustellen, sondern darum, dass der Gutachter den wirklichen, nicht den besten Tag zu sehen bekommt.
Digitale Begutachtung
Seit der Corona-Pandemie ist die telefonische oder digitale Begutachtung fester Bestandteil des Verfahrens geworden, was Berns skeptisch beurteilt.
Ein gerechtes Bild eines Menschen lasse sich am Telefon kaum gewinnen, weil das gesamte Lebensumfeld fehle. Antragstellende haben das Recht, eine telefonische Begutachtung abzulehnen und auf einen Hausbesuch zu bestehen.
Dass all dies in den kommenden Monaten noch an Bedeutung gewinnen wird, wurde durch die Ankündigung der Bundesregierung deutlich, zu Beginn des kommenden Jahres eine Pflegereform auf den Weg zu bringen. Details sind bislang offen, auch die Finanzierung steht noch nicht fest.
Doch schon jetzt wird diskutiert, ob eine verpflichtende Beratung vor der Antragstellung eingeführt werden könnte. Diese könnte überflüssige Anträge vermeiden und langfristig Kosten sparen. Für die Pflegescouts wäre dies eine Bestätigung ihrer bisherigen Arbeit: Schon heute wenden sich schätzungsweise achtzig Prozent der Menschen aus ihrem Wirkungskreis an die Ehrenamtlichen, noch bevor überhaupt ein Antrag gestellt wird.
In Hilden blieb am Ende des Tages vor allem ein Eindruck zurück: Hinter der nüchternen Sprache von Modulen, Punktwerten und Fristen verbergen sich Menschen, die oft zum ersten Mal in ihrem Leben
zugeben müssen, dass sie Hilfe brauchen und die genau in diesem Moment auf jemanden angewiesen sind, der ihnen zuhört, bevor irgendein Amt es tut. Die Pflegescouts sind diese Menschen.

