Bastian Fleermann: Ein unbekanntes Volk?

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Lintorf (mvk). Im Anschluss an die Mitgliederversammlung des Vereins Lintorfer Heimatfreunde (VLH) am vergangenen Donnerstag hielt Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, den Vortrag „Sinti und Roma in unserer Region – Die Geschichte einer Minderheit vom Spätmittelalter bis zum Völkermord“. Eine lange, aber völlig unbekannte Geschichte der Roma, Sinti und aller anderen Gruppen, die lange feindselig als „Zigeuner“ bezeichnet wurden, eine Geschichte geprägt von Vorurteilen und Unwissenheit. Im Großraum Düsseldorf und im nördlichen Rheinland stellt Fleermann exemplarisch Quellen vor, die vom Alltag einer Minderheit erzählen, deren Angehörige bewundert und ausgegrenzt, verklärt und verfolgt wurden.

Gebannt lauschten die Zuhörer seinen Ausführungen über das Volk, das seinen Ursprung im Nordwesten Indiens hat, ein Volk, das sich ständig verändert hat und über viele Jahre und Generationen in mehreren Migrationswellen nach Europa kam und viele Namen hat. In Deutschland nennt man sie etwa Sinti oder Cinte, in Frankreich Manouches oder Bohémians oder in Spanien Egiptanos und Giptanos. Roma ist ein Überbegriff für diese die Gruppen.

Schriftlichen Dokumenten nach kamen die ersten Sinti 1407 nach Deutschland (nach Ratingen1468). Sie wurden zunächst freundlich aufgenommen. Waren sie mit ihrer bunten und exotischen Kleidung interessant und als Gaukler, Wahrsager und Zauberer eine attraktive Ablenkung im tristen Alltag der damaligen Zeit. Doch Ende des 15. Jahrhunderts kippte die Stimmung. Es gab ein Wechselspiel zwischen Verachtung und Faszination. Die Menschen nutzten die speziellen Fähigkeiten der Sinti, die als selbständige Handwerker, Musiker gelebt haben, und doch festigten sich die Vorurteile, dass alle „Zigeuner Mörder, Diebe oder Kinderräuber seien“, und es wurden immer mehr romafeindliche Verordnungen erlassen. Sie waren nicht willkommen und wurden des Landes verwiesen oder festgenommen. Auch wenn alte Prozessakten bewiesen, dass der Anteil der Sinti an der Verbrecheranzahl gering war, produzierten die Landesherren damals ein negatives Bild, dass noch lange anhielt.

Noch im 20. Jahrhundert gab es das klischeehafte Bild des „typischen Zigeuners“, auch in der Kunst und Musik. Zur Olympiade 1936 wurden die Sinti in Lager abgeschoben. In Berlin wollte man sie nicht dem internationalen Publikum präsentieren. Andere Kommunen machten es nach. Nach und nach wurden brave Familien kriminalisiert, begünstigt durch die „Rassenhygiene Forschungsstelle“, Familien, die sich nichts zu Schulde haben kommen lassen. 1942 wurden sie in das KZ Auschwitz deportiert, wo Tausende von ihnen ihr Leben ließen. Noch heute erinnern sich Sinti und Roma aus ganz Europa am 2. August, am „Europäischen Holocaust-Gedenktag für die Roma“, an die unzähligen Kinder, Frauen und Männer, die dort umgebracht wurden.

Zum Abschluss lud Fleermann alle Zuhörer ein, die ab Mitte Oktober stattfindende Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf zu besuchen, wo noch viel mehr Wissenswertes über das Thema präsentiert wird. Barbara Lüdecke nahm diesen Vorschlag sofort auf und versicherte, dass der VLH einen entsprechenden Ausflug nach Düsseldorf planen werde.

Foto: Karl Heinz Wetterau