Oberschlesien: Kooperation zur jüdischen Geschichte

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Ratingen. Der jüdische Kulturverein „Schalom“ Ratingen und die Stiftung Haus Oberschlesien wollen künftig enger zusammenarbeiten. Ein erstes Gespräch zwischen dem Vorsitzenden des Kulturvereins, Vlad Ilstein (rechts), und dem Vorstandsvorsitzenden der Stiftung, Sebastian Wladarz (links), hat nun mögliche gemeinsame Projekte ausgelotet. Anlass für den Austausch ist unter anderem der 70. Todestag des bedeutenden jüdischen Rabbiners Leo Baeck.

Nach den Vorstellungen beider Seiten könnte eine Kooperation dazu beitragen, sowohl jüdische Kultur als auch die Geschichte Oberschlesiens in Ratingen stärker sichtbar zu machen. „Eine Zusammenarbeit macht aus vielerlei Hinsicht Sinn“, sagt Sebastian Wladarz. Es gebe zahlreiche thematische Überschneidungen. So wird unter anderem über Konzert- und Podiumsveranstaltungen im Oktogon der Stiftung Haus Oberschlesien nachgedacht. Auch im Museum könnte das Thema jüdisches Leben in Oberschlesien künftig stärker berücksichtigt werden. „Gerade kulturelle Formate können Menschen erreichen, die sich vielleicht sonst nicht intensiv mit Geschichte beschäftigen“, sagt Vlad Ilstein. „Musik, Gespräche und Begegnungen sind oft der beste Zugang zu historischen Themen.“ Wladarz ergänzt, er habe schon mehrfach im eigenen Hause auf die großen Potenziale dieses Themenfeldes für die historisch-politische Bildung hingewiesen.

Oberschlesien wird häufig vor allem mit Bergbau und Montanindustrie verbunden. Tatsächlich war das jüdische Leben in der ehemaligen deutschen Ostprovinz und heutigen Partnerregion Nordrhein-Westfalens jedoch über lange Zeit äußerst vielfältig. Zahlreiche Nobelpreisträger, Industrielle, Komponisten und andere herausragende Persönlichkeiten mit jüdischen Wurzeln stammen aus der Region oder wirkten dort. Zu ihnen zählt auch der Rabbiner Leo Baeck, der in Oppeln sein theologisches Hauptwerk „Das Wesen des Judentums“ verfasste und später zu den bedeutendsten Vertretern des liberalen Judentums in Deutschland zählte. „Viele Menschen wissen gar nicht, wie stark jüdische Persönlichkeiten die Geschichte und Kultur Oberschlesiens geprägt haben“, sagt Ilstein. „Dieses Wissen wieder sichtbar zu machen, ist eine wichtige Aufgabe.“

Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft
Vlad Ilstein sieht in einer Zusammenarbeit großes Potenzial: „Wir wollen eine Brücke von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft schlagen.“ Ziel sei es, jüdisches Leben in der Stadt sichtbar zu machen und gleichzeitig Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. „Für uns ist entscheidend, dass Erinnerung nicht nur rückwärtsgewandt ist“, betont der Vorsitzende des Vereins „Schalom“. „Sie soll auch Orientierung für die Gegenwart geben und Mut für die Zukunft machen.“ Die gemeinsame Vorstellung: „Wir wünschen uns ein starkes und gut in der Stadtgesellschaft verwurzeltes jüdisches Leben in Ratingen. Dafür müssen wir insbesondere die junge Generation erreichen.“

Reise nach Oberschlesien geplant
Eine wichtige Rolle könnte auch der Austausch mit der nordrhein-westfälischen Partnerregion Oberschlesien im heutigen Polen spielen. Dort erinnern zahlreiche Einrichtungen an das jüdische Leben der Region, darunter das Haus der Erinnerung der oberschlesischen Juden in Gleiwitz. Gemeinsam mit solchen Institutionen könnten Projekte zur Erinnerungskultur und historisch-politischen Bildung entstehen.

Wie schnell aus ersten Gesprächen konkrete Schritte werden können, zeigt eine bereits geplante Kurzreise Mitte April. Eine kleine Delegation will Oppeln, Gleiwitz, Beuthen und Kattowitz besuchen. „Solche Begegnungen vor Ort sind besonders wertvoll“, sagt Ilstein. „Sie ermöglichen einen direkten Austausch mit Menschen und Institutionen, die sich ebenfalls für die Bewahrung jüdischer Geschichte engagieren.“ In Gleiwitz hat zudem die Familie der Mutter des heutigen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, ihre Wurzeln.

Auch über eine formelle Kooperation zwischen dem jüdischen Kulturverein „Schalom“ und der Stiftung Haus Oberschlesien wurde bereits gesprochen. „Das gegenseitige Interesse ist vorhanden“, sagt Wladarz. „Wenn eine Zusammenarbeit sinnvoll ist, spricht vieles dafür, sie auch auf eine institutionelle Grundlage zu stellen.“

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