Zeitzeugengespräch zum Kriegszustand in Polen

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Hösel. Es war die größte Tragödie in der Zeit des Kriegsrechts in Polen. Bei der vermeintlichen Befreiung der bestreikten Zeche „Wujek“ im oberschlesischen Kattowitz durch Sondereinsatzkräfte der Miliz am 16. Dezember 1981 starben neun Kumpel im Kugelhagel der „ZOMO“. Die Zeche wurde seit dem 13. Dezember 1981 bestreikt. Gründe hierfür waren die die Ausrufung des Kriegszustandes durch die Militärregierung in Warschau sowie die Inhaftierung des Regionalvorsitzenden der Gewerkschaft „Solidarność”.

In einem Zeitzeugengespräch im Haus Oberschlesien beschrieb der ehemalige Streikführer Stanisław Płatek die Lage so: „Als wir erfuhren, dass der Kriegszustand ausgerufen und der Regionalvorsitzende unserer Gewerkschaft verhaftet wurde, haben wir uns alle gefragt, was wir nun machen sollten, streiken oder dennoch unter Tage fahren”. Man hatte zu der Zeit keinen Sprecher, so habe Płatek selbst das Wort ergriffen und wurde so zur zentralen Figur des Streiks. In einer Schichtversammlung mit etwa 2.000 Mitarbeitern habe man dann einmütig den Entschluss gefasst, die Zeche zu bestreiken. Płatek betont dabei: „Keiner der Kumpel wurde zum Streik genötigt.  Jede Schicht hat in einer eigenen Schichtversammlung entschieden, ob sie sich dem Streik anschließt. Letztlich waren alle Kumpel solidarisch”.

Im Laufe der Tage haben sich die Fronten verhärtet. Die Zeche sei von Einheiten der Armee, der Miliz und von Panzern hermetisch abgeriegelt worden. „So haben wir uns auch angefangen, zu ‘bewaffnen’. Aus der Schlosserei haben die Kollegen Gegenstände wie Schraubschlüssel oder Eisenstangen mitgenommen, also eher primitive Gegenstände, die er Verteidigung dienen sollten”, erzählte der Streikführer. Abordnungen der Staatsmacht wurden sodann aufs Werksgelände entsendet, um den Streikenden ein Ultimatum zu setzen: Streikende oder Zugriff der Militäreinheiten. Eine Stunde Bedenkzeit hatten die Kumpel bekommen. „Wir hatten unsere Bedingungen für ein Ende des Streiks ja klar formuliert, und zwar die sofortige Aufhebung des Kriegszustandes und zeitgleich die Freilassung aller politischen Häftlinge. Damit war das Ultimatum nicht annehmbar”, so der 70jährige. Genau eine Stunde später „haben sie ihr ‘Versprechen’ eingelöst und stürmten das Grubengelände”, erinnert sich der Streikführer. Die Sondereinheiten der Miliz seien mit Maschinenpistolen des Typs „Rak” bewaffnet gewesen. Dazu Stanisław Płatek: „Wir wissen anhand von Untersuchungen der Ermordeten und Verletzten Arbeiter, dass die meisten Kugeln der ZOMO den Oberkörper oder Kopf der Opfer getroffen haben. Das heißt, dass sie uns nicht lediglich kampfunfähig machen wollten. Sie wollen uns bewusst töten”.

Nach dem Massaker wurde der Streik beendet. Płatek selbst war durch einen Schuss in die Schulter verletzt. Er wurde verhaftet und ist auf dem Weg ins Krankenhaus nur knapp der Lynchjusitz entgangen. Nach einem schnellen Prozess wurde er zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt und saß davon 14 Monate in mehreren Haftanstalten ab. Aufgrund einer Amnästie kam er frei und arbeitete im Untergrund der „Solidarność”. 1993 kehrte er zur alten Arbeitsstätte in der Grube zurück und blieb bis zur seiner Verrentung im Jahre 2006 dort.

Die Tragödie von „Wujek” sei ein einschneidendes Ereignis gewesen. „Viele Bürger schlossen endgültig mit dem System ab”, so David Skrabania, Kulturreferent für Oberschlesien, der die Veranstaltung moderierte. Es folgte eine Welle von Ausreiseanträgen, insbesondere  von Menschen mit deutscher Abstammung, die dann als Aussiedler nach Westdeutschland kamen. Nach der politischen Wende habe man sich dennoch mit der Aufarbeitung schwer getan so Marek Lyszczyna, stellvertretender Leiter des „Schlesischen Zentrums für Freiheit und Solidarität” in Kattowitz, einer Gedenkstätte auf dem ehemaligen Werksgelände. Lyszczyna: „Es hat lange gedauert bis überhaupt eine Strafverfolgung der Täter in Gang kam. Politische Verantwortliche wie General Wojciech Jaruzelski oder General Czesław Kiszczak wurden überhaupt nicht zur Rechenschaft gezogen. Beide sind inzwischen Verstorben”. Nach der Wende wurde das politische System ausgetauscht, die Eliten sind geblieben, so auch in der Justiz, so Lyszczyna. Stiftungschef Sebastian Wladarz sieht hier Parallelen zum Umgang mit den Verantwortlichen für die Toten an der Mauer und innerdeutschen Grenze: „Auch hier hat sich die deutsche Justiz nicht mit Ruhm bekleckert“.

Das Massaker im oberschlesischen Kattowitz ordnet Wladarz als Ereignis von europäischer Tragweite ein: „Von Oberschlesien aus erhallte der Ruf nach Freiheit. Damit war Oberschlesien eine der Herzkammern der Freiheitsbewegung. Lediglich das brutale Vorgehen der Staatsmacht unterband die Ausbreitung vorerst die Ausbreitung der Freiheitsbewegung. Stoppen konnte es sie nicht“. Am Tag der Ausrufung des Kriegsrechts war Wladarz erst sechs Jahre alt. „Natürlich habe auch ich Jaruzelski im Fernsehen gesehen. Aber die Tragweite der Ereignisse, auch der auf der Zeche ‚Wujek‘ wurde mir natürlich erst im Nachhinein präsent. Übrigens hat auch meine Familie einen Ausreiseantrag gestellt. Meinen Großeltern ist die Ausreise noch am 13. Dezember 1981 gelungen“. Er sieht es als bildungspolitische Aufgabe in Zusammenarbeit zwischen Polen und Deutschland, an diese Ereignisse zu erinnern, denn sei seien alle Vorboten des politischen Umschwungs gewesen, der letztlich auch zur deutschen Einheit geführt habe.

„Und deshalb freue ich mich, dass die Gedenkstätte auf dem ehemaligen Zechengelände erweitert wurde. Wie ich erfahren habe, kommen viele Schüler aus der gemeinsamen Region Hauts de France dorthin. Wir müssen daran arbeiten, dass auch Schülergruppen aus Nordrhein-Westfalen, diese Gedenkstätte besuchen. Daneben gibt es in Oberschlesien viele weitere geschichtsträchtige Gedenkorte, an denen man Geschichte live erleben kann“, so der gebürtige Gleiwitzer Wladarz.  Daher freue er sich, dass der Zeitzeuge Stanisław Płatek am darauffolgenden Tag in der Partnereinrichtung „Martin-Opitz-Bibliothek“ in Herne mit einer örtlichen Schülergruppe ins Gespräch kam. „Diese Themen müssen bei uns viel präsenter werden, auch damit wir Europa und insbesondere unsere östlichen Nachbarn verstehen“

Das gesamte Zeitzeugengespräch ist auf dem YouTube-Kanal des Oberschlesischen Landesmuseums zu sehen

Dr. Marek Lyszczyna (Schlesisches Zentrum für Freiheit und Solidarität), Dr. David Skrabania (Kulturreferent für Oberschlesien), Stanisław Płatek (Zeitzeuge und Streikführer) (von links) (Foto: OSLM)