Homeschooling: „Ich bin für mich selbst verantwortlich!“

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Ratingen (sw). 8 Uhr am Montag Morgen. Mein Wecker klingelt. Ich drücke die Schlummertaste. „Nur noch fünf Minuten“, denke ich mir und drehe mich wieder rum. Irgendwann ruft meine Mutter. Ich taumle noch immer etwas schlaftrunken in die Küche. Ein Blick zur Uhr zeigt mir: Ich habe verschlafen. Doch anstatt panisch los zu rennen, gähne ich nur noch einmal und wanke weiter ins Bad. Jogginghose anziehen und Haare glatt streichen. Fertig ist mein Outfit für heute. Mit einer Tasse Kaffee gewappnet tappe ich zu meinem Schreibtisch. Laptop an, Mails checken. Mittlerweile ist das eine richtige Routine geworden. Mathe für Morgen, Englisch für Freitag und Erdkunde, naja, bis zu den Ferien. Entspannt, denke ich und nehme mir, bevor ich starte, noch einmal die Zeit, um mit meinen Freunden zu schreiben und Instagram zu checken. Doch etwas wirklich neues gibt es eigentlich nicht.

Seit Mitte März sitze ich nun schon im sogenannten „Homeschooling“, genau wie meine Mitschüler. Am Anfang war alles sehr ungewohnt. Plötzlich waren wir mehr oder weniger auf uns alleine gestellt und mussten unseren Alltag selber organisieren. Viele nutzen die Chance, um erst einmal länger zu schlafen. Schließlich gibt es keinen langen Schulweg, und es ist möglich, sich die Zeit selber einzuteilen. „Ich habe gelernt, wie ich mit den vielen Aufgaben umgehe“, erläutert Katarina* aus der elften Klasse. Bei all den Aufgaben den Überblick nicht zu verlieren, stellt für den einen oder anderen durchaus eine Herausforderung dar. Denn es gibt keinen geregelten Alltag und keine klaren Vorgaben, wann ich jetzt aufstehen muss, oder nicht. Bis wann muss ich das Fach abschicken? Womit fange ich an? Was, wenn ich die Aufgabe nicht verstehe? Was, wenn ich nicht rechtzeitig fertig werde? Lauter Fragen, die einem im Kopf herumschwirren. Doch obwohl am Anfang alles erst einmal ungewohnt und fremd erschien, kam mit der Zeit ein gewisser Rhythmus rein. Ich fing an, mich an das Zuhause lernen zu gewöhnen und bekam ein Gefühl, wie lange ich für diese oder jene Aufgabe wohl brauchen würde.

Nach eigenen Erfahrungen und dem Austausch mit Schülerinnen und Schülern kann ich zusammenfassend sagen, dass die Meinungen der Schüler bezüglich des „Homeschoolings“ gemischt sind.

 „Ich finde es positiv, dass ich viel Schreiben kann und das die meisten Lehrer einem auch eine individuelle Rückmeldung zukommen lassen. Ich denke das ist sehr hilfreich.“ Vor allem hinsichtlich des Abiturs kann das nützlich sein. Und sogar an die Vorteile für das spätere Leben wird gedacht. Denn selbstständige Organisation und das selbstständige Lernen spielt auch in der Universität eine große Rolle und im Zeitalter der Digitalisierung schaden Computerkenntnisse ebenfalls nicht. Zusätzlich finden viele die individuelle Zeiteinteilung sehr gut. „So konnte ich zwischendurch mit dem Hund rausgehen“. Auch immer wieder taucht das Argument „länger schlafen“ auf. Tom*, Schüler der sechsten Klasse findet: „Ich kann ganz gechillt meine Aufgaben machen und stehe nicht so direkt unter Zeitdruck. Ich bin komplett für mich selbst verantwortlich.“ Es besteht die Möglichkeit, sich gezielt mit den Themen auseinander zu setzen, die problematisch für einen sind. Dadurch ist eine Verbesserung möglich, sowie intensiveres arbeiten an den einzelnen Aufgaben. Ein weiterer Vorteil der freien Einteilung der Zeit.

Doch auf der anderen Seite sehen die meisten neben den Vorteilen auch negative Aspekte des „Homeschoolings“. Manche Aufgaben sind recht zeitintensiv. „Dadurch sitze ich lange vor dem Bildschirm, was bestimmt schlecht für die Augen und den Rücken ist.“ Hausaufgaben, essen, mit dem Hund raus gehen. Oft fehlt die Abwechslung im Alltag und vor allem auch die Struktur. Außerdem antwortet nicht immer jeder Lehrer. „Teilweise habe ich nach zwei Wochen noch keine Antwort bekommen.“

„Was ich auch noch nicht so gut finde ist, dass, wenn ich etwas nicht verstanden habe, es mir niemand richtig erklären kann.“ Denn auch die Eltern müssen arbeiten und obwohl die Lehrer sich oft große Mühe geben, die Aufgaben und Themen verständlich zu erklären, ist es im Unterricht doch einfacher nachzuvollziehen. Es bleibt dort außerdem mehr Platz für direkte Fragen, was im „Homeschooling“ so nicht gegeben ist.

Ein weiteres Problem sehen viele in ihrer Motivation. „Alleine Zuhause zu sitzen und die Aufgaben zu bearbeiten, da muss ich mich manchmal echt dazu zwingen und die Disziplin haben, da wirklich was zu machen.“ Es fehlt der Austausch zwischen den Schülern, als auch mit den Lehrern, denn so eine richtige Unterrichtsatmosphäre hat kaum jemand Zuhause. Die Aufgaben können nicht als Gruppe gelöst oder im Plenum gemeinsam erarbeitet werden. „Gerade in den Fremdsprachen fehlt das Sprechen“, ergänzt Achtklässlerin Marie.

Viele meiner Mitschüler hoffen, dass nach den Ferien wieder ein „normaler“ Schulalltag möglich ist. „Vielleicht können Homeschooling und in die Schule gehen gemischt funktionieren.“ Denn auch wenn man sich mit der Zeit an das Arbeiten von Zuhause gewöhnt hat, fehlt doch oft der soziale Kontakt und es ist einfacher, wenn die Aufgaben direkt „live“ erklärt werden.  „Außerdem habe ich aus der Zeit gelernt, dass die Schule eben auch ein Ort ist, wo ich meine Freunde täglich treffe.“

Egal ob das „Homeschooling“ nun als positiv oder negativ empfunden wurde, es war nun einmal nötig und das Verständnis dafür ist bei den meisten gegeben. Wie lange das Ganze noch andauert oder was sich nun genau nach den Sommerferien ändern wird, bleibt fürs Erste abzuwarten und ist für viele ein „komisches Gefühl“. Doch vorher heißt es erst einmal: Raus aus dem „Homeschooling-“Alltag und rein in die Ferien, wenn auch dieses Jahr etwas anders als sonst.

Doch darüber mache ich mir jetzt noch keine Gedanken. Als erstes stelle ich endlich den Wecker aus und verbanne die Schulsachen in den Schrank. Keine Schlummertaste, kein Verschlafen, keine Schulaufgaben. Ich habe Ferien. Zeit, um mich von diesem aufregenden Schulhalbjahr zu erholen und mich auf das kommende vorzubereiten. Obwohl des eine schwierige Situation war, habe ich einiges gelernt, nicht nur im Unterricht, oder vielmehr im „Homeschooling“. Damit bin ich nicht die Einzige.

Und wer weiß, vielleicht klingelt der Wecker in ein paar Wochen wirklich wieder pünktlich um sechs Uhr?

*Hierbei handelt es sich um ausgedachte Namen, die echten Namen sind jedoch der Redaktion bekannt.

Foto: privat

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