Roman über eine unbekannte Türkei

Werbung

Der beim grafit Verlag neu aufgelegte Roman „Paragraf 301“ von Wilfried Eggers war bereits 2008 schon einmal als Hardcover-Version erschienen. Angesichts der aktuellen Ereignisse in aller Welt, aber ganz besonders auch in der Türke, bekommt Eggers Auseinandersetzung mit der Verfolgung der Aleviten und Kurden ganz neue Bedeutung.

Der Protagonist des Romans, der Anwalt Peter Schlüter, übernimmt den Fall des Emin Gül, der in der Türkei als mitschuldig am Tod von 37 Menschen verurteilt wurde und nach Deutschland geflohen ist. Güls Onkel versichert Schlüter, dass es sich um ein Fehlurteil handelt und bittet den Anwalt, eine Auslieferung seines Neffens zu verhindern.

Gleichzeitig hält sich Heyder Cengi, ein Türke alevitischen Glaubens, illegal in Deutschland auf und gerät in Schwierigkeiten, als seine Arbeitserlaubnis auf einer Baustelle überprüft werden soll. Bei Cengis Flucht gibt es ein Handgemenge mit dem Kontrolleur vom Arbeitsamt, so dass dieser vom Gerüst fällt und stirbt. Cengis Freund besorgt diesem eine vorübergehende Unterkunft und bittet den Anwalt Schlüter um Hilfe. Dieser übernimmt das Mandat und muss mit jeder weiteren Information, die er über seine Schützlinge erhält, feststellen, dass die Lage viel komplizierter ist als gedacht.

Er gerät in einen Gewissenskonflikt, denn ein vor Jahrzehnten begangener Völkermord hat Auswirkungen bis in die heutige Zeit. Zeitzeugen sind aber schwer zu finden, da der Paragraf 301 des türkischen Strafgesetzbuches für jeden Aussagenden zum Verhängnis werden könnte. Der Paragraf stellt die Herabsetzung der türkischen Nation unter Strafe und ist so allgemein verfasst, dass fast jede Bemerkung in diesem Sinne ausgelegt werden kann.

Schlüter begibt sich also in die Heimat seiner Mandanten, um dort zu erfahren, dass tatsächlich versucht wird, jede Spur der Kurden und Aleviten aus dem Land zu tilgen. Selbst den Namen des Landstrichs, bei den Kurden und Aleviten Dersim genannt, hat die türkische Regierung während der großen Säuberungsaktionen gegen Ender der 1930er Jahre in Region Tunceli umgeändert.

Eggers, selbst Notar und Rechtsanwalt, erzählt in diesem Roman eine tragische Geschichte, die vom Leser historische Aufarbeitung verlangt, denn die wenigsten werden bisher vom Völkermord und der Um- und Zersiedelung der türkischen Aleviten gehört haben. Ein Roman, der gerade heute, ein weiteres Mosaikteilchen zum Bild der Türkei liefern kann.

Wilfried Eggers: Paragraf 301
476 Seiten, Paperback
Eur 11,00 [D]
ISBN 978-3-89425-373-8

Werbung

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.