Pilotprojekt: Geschichte als Web-Dokumentation

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Hösel. Wie wird wohl unsere neue Heimat aussehen? Werden wir uns hineinfinden, hineinfügen und wachsen können? Oder werden wir zerdrückt und zertreten?“ Dieser Satz entstammt nicht etwa einem Roman, sondern einem Brief von Hilde Neumann aus dem ostoberschlesischen Skotschau (heute Skoczów) vom 17. Mai 1946 an ihren Mann Karl, der gerade aus dem CIC Camp Westertimke entlassen worden war. Eine Frage, die sich Millionen Deutsche im Zuge der Flucht und Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges stellten, markiert damit den Einstieg in ein internetbasiertes Pilotprojekt des Kulturreferats für Oberschlesien am Oberschlesischen Landesmuseum in Ratingen (Hösel). In Zusammenarbeit mit dem Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung ist eine Web-Dokumentation entstanden und geht nun auf dem Portal „Copernico. Geschichte und kulturelles Erbe im östlichen Europa“ an den Start.

Unter dem Titel „Familie Neumann. Eine ostoberschlesische Geschichte von Flucht und Integration“ wird die Geschichte der im ostoberschlesischen Skotschau beheimateten Familie Neumann/Czaputa nacherzählt, die Ende Januar 1945 schweren Herzens ihre gesicherte gutbürgerliche Existenz aufgab und aus Angst vor der Rache der heranrückenden Roten Armee aus ihrer Heimat floh. Von den damit verbundenen dramatischen Umständen, dem Versuch eines Neuanfangs in Westdeutschland, ihren Gedanken und Gefühlen zeugen hunderte von Briefen aus der Zeit zwischen 1944 und 1957. In mühevoller Auswertung und Aufbereitung der persönlichen Unterlagen wurde die tragische Lebensgeschichte von Hilde und Karl Neumann und ihren Kindern rekonstruiert und nachgezeichnet und in die Geschichte von Verstrickung in das nationalsozialistische Unrechtsregime, von Flucht, Vertreibung und Neuanfang eingebettet. Eine Geschichte mit Licht und Schatten.

„Aus einem eher zufälligen Fund unseres Kollegen Marton Szigeti im Archiv der Stiftung Haus Oberschlesien ist aus dem Nachlass der Familie Neumann ein innovatives Pilotprojekt entstanden. Eine solche multimediale Aufarbeitung des Themas Flucht und Vertreibung ist bislang neu- und einzigartig“, erklärt Kulturreferent Dr. David Skrabania.

Nach einer Einführung über die Familie Neumann erhalten die User im Prolog einen historischen Abriss über die Teilung Oberschlesiens. Schließlich gehörte Skotschau schon zu Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht mehr zum Deutschen Reich, sondern wurde nach der Volksabstimmung 1921 der neugegründeten Zweiten Polnischen Republik zugeschlagen. Im Kapitel 1 erfährt man etwas über die Kleinstadt und Heimat der Familie während im 2. Kapitel die Familie selbst nochmals detaillierter vorgestellt wird. Im Kapitel 3. geht es dann um Karl Neumanns Rolle im NS-Regime und seinen Einsatz im Krieg, während das folgende Kapitel Hildes dramatische Flucht aus Oberschlesien thematisiert. Die Familie wird getrennt, denn Karl wird interniert, wie im 5. Kapitel zu erfahren ist. Hildes Zeit in Österreich samt Schicksalsschlägen, wie dem Tod ihres Babys wird in Kapitel 6 beschrieben, bevor es dann im 7. Kapitel zu Karls Unternehmensgründung in der britischen Besatzungszone und der ersehnten Familienzusammenführung mit Hilde und Sohn Udo kommt. Im letzten Kapitel wird schließlich der Werdegang der Neumanns in den Anfangsjahren der jungen Bundesrepublik nachgezeichnet. Den Epilog bildet ein Exkurs zum Thema „Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge im Westen“.

Die Web-Dokumentation baut auf einer historisch fundierten Aufarbeitung des Nachlasses der Familie Neumann auf. Eine Menge von Schriftstücken, Briefen und Dokumenten sowie Fotografien musste digitalisiert und aufbereitet (transkribiert) werden. Hildes und Karls Briefe wurden teilweise eingelesen, so dass der User nicht alles mühevoll vom Bildschirm ablesen muss. Die Inhalte sind hörbar. Flankiert wird dies alles durch Kommentare, Erläuterungen oder auch Beurteilungen eines Historikerexperten im Videoformat sowie zeitgenössischen Archivvideos. Der Vorsitzende der Stiftung Haus Oberschlesien Sebastian Wladarz ist sich sicher: „Mit dieser Web-Dokumentation haben wir einen Meilenstein im Bereich der internetgestützten historisch-politischen Bildung zum Thema Flucht und Vertreibung gesetzt. Die Mischung aus Hintergrundinformationen, aufgearbeiteten Originaldokumenten, Audio- und Videoelementen bietet dem User eine spannende und kurzweilige Möglichkeit, das Schicksal einer oberschlesischen Flüchtlings-/ Vertriebenenfamilie nachzuzeichnen, die stellvertretend für viele deutschen Vertriebenen und Flüchtlinge der damaligen Zeit steht. Damit bieten wir insbesondere Lehrern ein interessantes Tool zum Einsatz im Geschichtsunterricht, denn hier wird Geschichte fassbar und spannend präsentiert, und das alles in einem Medium, mit dem junge Menschen ohnehin unterwegs sind.“ Auch im Oberschlesischen Landesmuseum werde die Web-Dokumentation demnächst im Rahmen der Angebote der Museumspädagogik und der historisch-politischen Bildung eingesetzt.

Dabei ist sich der gebürtige Oberschlesier auch sicher, dass man mit der Familie Neumann durchaus ein heißes Eisen angepackt habe. Denn Karl Neumann steht als NS-Führungsoffizier (NSFO) zunächst für die Ideologie und die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes, wenngleich er sich selbst keiner Kriegsverbrechen schuldig macht. „Doch seine hochschwangere Frau Hilde flieht aus Angst vor der Rache der Rotarmisten aus der ostoberschlesischen Heimat, die keinen Unterschied gemacht haben, ob jemand persönlich für Gräueltaten der Deutschen Verantwortung trug. Sie und das Ungeborene können kaum für die Führungsrolle des Familienvaters in der NS-Hierarchie verantwortlich gemacht werden und sind, wie viele andere Deutsche auch, unschuldige Opfer des Krieges und seiner Folgen. Insofern liegen hier die Täter- und Opferperspektive sehr dicht beieinander, wobei der Rolle von Karl Neumann explizit beleuchtet und bewertet wird“, sagt Wladarz. Man habe natürlich überlegt, ob sich dann gerade die Neumanns für so ein Pilotprojekt eignen. Aber da sind sich Kulturreferent Dr. David Skrabania und Stiftungschef Sebastian Wladarz doch sehr einig: „Das Leben ist selten schwarz oder weiß, sondern enthält viel Grautöne. Wir haben die Chance genutzt, auch die Schattenseiten aufzuarbeiten. Das gehört für uns zu einer grundsoliden historischen Auseinandersetzung und Aufarbeitung eines Themas dazu. Nur so erreichen wir ein ausgewogenes und ehrliches Bild dieser für Millionen von Menschen tragischen Zeit.“

Insgesamt hoffen Skrabania und Wladarz, mit diesem Pilotprojekt viele Lehrer und Schüler zu erreichen und sie für das Thema zu sensibilisieren. „Wir haben auch heute wieder Fluchtbewegungen und Vertreibungsschicksale. Bei allen Gemeinsamkeiten, gibt es aber auch zahlreiche Unterschiede zur Situation 1945. Um aber die Unterschiede und Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten ist es sehr wichtig, die Geschichte der Deutschen aus den Ostgebieten zu kennen. Nur so kann der Brückenschlag gelingen. Wir leisten dazu einen zeitgemäßen und auf junges Publikum ausgerichteten Beitrag.“

Info:

Das Projekt Web-Dokumentation ist eine Zusammenarbeit des Kulturreferats für Oberschlesien am Oberschlesischen Landesmuseum, der Stiftung Haus Oberschlesien und des Herder-Instituts für historische Ostmitteleuropaforschung. Im Rahmen dieses Pilotprojekts wurde auf der Plattform copernico.eu ein Template für Web-Dokumentationen entwickelt, das auch für weitere Web-Dokumentationen genutzt werden kann. Das nächste Projekt der Ratinger Institutionen wird zurzeit bereits erarbeitet und thematisiert den 100. Jahrestag der Teilung Oberschlesiens.

An dem Projekt waren der Historiker Florian Paprotny, der für das Archiv der Stiftung Haus Oberschlesien zuständige Mitarbeiter des Oberschlesischen Landesmuseums, Marton Szigeti, und der Kulturreferent für Oberschlesien, Dr. David Skrabania beteiligt. Als Experte und Gutachter fungierte der Bochumer Historiker Dr. Lutz Budrass. Für die Filmaufnahmen zeichnete der Filmproduzent Ronald Urbanczyk (archenoah-film.de) verantwortlich, während für die Sprachaufnahmen die Produktionsfirma des Ex-Warlock-Gitarristen Peter Szigeti „Killa Notes“ gewonnen werden konnte, die neben dem Wiesbadener Komponisten Christoph Zehm auch einige Kompositionen beisteuerte.

Die Web-Dokumentation ist einsehbar unter: https://www.copernico.eu/webdoku/FamilieNeumann

Foto: © Stiftung Haus Oberschlesien (SHOS)/Copernico.eu