OSLM: Vergessene Opfer der NS-Euthanasie

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Hösel. Vor 81 Jahren schuf Adolf Hitler mit dem sogenanntem „Euthanasie“-Erlass die rechtliche Grundlage für die systematische Ausrottung „lebensunwerten Lebens“ im Sinne der nationalsozialistischen Rassenideologie. Menschen mit geistiger oder körperlicher Behinderung, Kranke und Schwache, besonders auch Kinder und Säuglinge, wurden als für die Gesellschaft schädlich angesehen und galten als nicht lebenswert. Das Oberschlesische Landesmuseum (OSLM), Bahnhofstraße 62, erinnert mit der Ausstellung „Vergessene Opfer der NS-Euthanasie – Die Ermordung schlesischer Anstaltspatienten 1940–1945“ vom 17. Mai bis 31. August 2020 an dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte.

Aus der preußischen Provinz Schlesien wurden zwischen April und September 1941 über 2600 psychiatrische Patienten aus Heil- und Pflegeanstalten nach Sachsen verlegt. Sie sollten im Rahmen der NS-„Euthanasie“ in Pirna-Sonnenstein ermordet werden. Bislang war über die Einbeziehung schlesischer Patienten in die NS-Krankenmorde nur wenig bekannt.

Pirna-Sonnenstein war, nicht zuletzt wegen der Zahl der Opfer, einer der schlimmsten Orte nationalsozialistischer Verbrechen in Sachsen. Die Tötungsanstalt Sonnenstein diente zudem der personellen, organisatorischen und technischen Vorbereitung des Holocaust.

Zwischen 1939 und 1941 wurden auf dem Gebiet des Deutschen Reiches sechs Euthanasie-Tötungsanstalten errichtet. Dazu zählt auch die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein, in der von 1940 bis 1941 etwa 15.000 Menschen ermordet wurden. Es waren vorwiegend psychisch Kranke und geistig Behinderte, am Ende auch Häftlinge aus Konzentrationslagern.

In einem zweijährigen, von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) geförderten Projekt erarbeitete die Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein eine Wanderausstellung, die erstmals dieses Thema darstellt. Die Wanderausstellung zeigt auf 21 Tafeln in deutscher und polnischer Sprache die mörderischen Auswirkungen der NS-Gesundheitspolitik in Schlesien. Menschen mit psychischen Krankheiten und geistigen Behinderungen wurden als „lebensunwert“ stigmatisiert, zwangsweise unfruchtbar gemacht und ab 1940 systematisch ermordet. Allein 1.575 von ihnen wurden 1941 in der Gaskammer der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet. Mehrere Hundert starben bis zum Kriegsende 1945 in sächsischen Heil- und Pflegeanstalten an Hunger, Vernachlässigung oder überdosierten Medikamenten. Aber auch in Schlesien selbst kam es zu Krankenmorden. In den „Kinderfachabteilungen“ in Breslau und Loben wurden Kinder und Jugendliche, die als nicht entwicklungsfähig galten, von Ärzten getötet. In den Konzentrationslagern Auschwitz und Groß-Rosen wurden arbeitsunfähige Häftlinge selektiert und in den Tötungsanstalten Pirna-Sonnenstein und Bernburg ermordet.

Die ursprüngliche Bedeutung des aus dem Griechischen stammenden Begriffs „Euthanasie“ wurde damit pervertiert. Der „schöne“ oder schmerzfreie Tod war eigentlich damit gemeint, später auch der absichtlich herbeigeführte Tod, etwa durch die Verabreichung von Medikamenten bei unheilbar Kranken, die somit von ihrem Leiden erlöst werden sollten. Dem systematischen Massenmord durch Euthanasie fielen unter dem NS-Regime Hunderttausende kranker und behinderter Menschen zum Opfer.

Gezeigt wurde die Ausstellung über vergessene Opfer der Euthanasie auch in der Gedenkstätte für die Oberschlesischen Juden, der Außenstelle des Museums Gliwice, die sich in der ehemaligen Begräbnishalle des jüdischen Friedhofs befindet. (Foto: Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein)

Oberschlesisches Landesmuseum (OSLM)

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