OSLM: Gedenken an Kriegszustand in Polen

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Hösel. Das Oberschlesische Landesmuseum erinnert an die Ausrufung des Kriegszustands und seiner Folgen vor 40 Jahren in Polen. Hierzu veranstaltet es einen Zeitzeugenabend am Mittwoch, 22. September, um 18:30 Uhr im Oktogon der Stiftung Haus Oberschlesien, Bahnhofstraße 71. Nach einer knappen historischen Einführung in die Thematik durch den Kulturreferenten für Oberschlesien, David Skrabania, folgen die Vorträge von Marek Lyszczyna, Mitarbeiter beim Schlesischen Zentrum für Freiheit und Solidarität in Kattowitz und durch Stanisław Płatek, Streikführer auf dem Bergwerk Wujek im Dezember 1981. Anschließend besteht die Möglichkeit zur Diskussion. Die Veranstaltung wird gedolmetscht.

In Kattowitz, an einem Ort, den heute ein Denkmal in Gestalt eines besonders symbolträchtigen Kreuzes überragt, kam es am 16. Dezember 1981 zur blutigsten aller Niederschlagungen während des am 13. Dezember 1981 ausgerufenen Kriegszustandes in Polen. Gegen Bergleute, die als Zeichen ihres Widerstandes und aus Solidarität mit ihren verhafteten Kumpels einen Streik ausriefen, wurden Panzer und Kampfwagen der Armee und Sondereinheiten der Miliz mobilisiert. Die Streikenden sollten eingeschüchtert und die Ausweitung der Proteste auf weitere Betriebe und Bergwerke in Oberschlesien verhindert werden. Denn gerade in der Region, die von den kommunistischen Machthabern als die Vorzeige-Region betrachtet wurde, erwies sich der Widerstand als besonders hartnäckig.

Um ihre Hegemonie über Staat und Gesellschaft zu bestätigen, entschied sich die kommunistische Partei zum wiederholten Male in der Nachkriegsgeschichte Polens zur Gewaltanwendung. Bereits am 15. Dezember 1981 wurden vier Bergleute vor dem Bergwerk „Manifest Lipcowy“ in Bad Königsdorff-Jastrzemb verletzt, als das Feuer gegen sie eröffnet wurde. Zwei Tage später wurde die „Befreiung“ des Kattowitzer Bergwerkes Wujek eingeleitet. Unter Einsatz von Wasser- und Gasgranatwerfern wurde mit dem Sturmangriff auf das Bergwerk begonnen. Panzer und Kampfwagen von Armee und Miliz rissen die Umzäunungen nieder und gelangten auf das Werksgelände. Schließlich kam noch ein Kommando der Sondermiliz zum Einsatz, das den Widerstand der Streikenden mit Hilfe von Maschinenpistolen brach. Die Milizionäre schossen weder in die Luft, noch gaben sie Salutschüsse ab. Sie töteten neun Bergleute. Der jüngste von ihnen war 19 Jahre alt.

Heute ist das majestätische Denkmal für die gefallenen Bergleute des Steinkohlenbergwerkes Wujek nicht nur ein gesamtpolnisches Symbol des Widerstandes gegen die Ausrufung des Kriegsrechts, sondern vor allem ein Zeichen der Erinnerung an die beschriebenen tragischen Ereignisse.

Aus Anlass des 40. Jahrestages der Ausrufung des Kriegsrechts in Polen und der Niederschlagung des Streiks auf dem Bergwerk Wujek und an anderen Orten, insbesondere in Oberschlesien, erinnert das Oberschlesische Landesmuseum an die Ereignisse und das Unrechtsregime in Polen. Auch für Hunderttausende Oberschlesier, die in vor allem in der zweiten Hälfte der 1980er Jahren das Land verließen und als Aussiedler in Deutschland, zumal in Nordrhein-Westfalen, eine neue Heimat fanden, waren die Ereignisse vom Dezember 1981 mit ausschlaggebend, für die Entscheidung, Polen verlassen zu wollen – sie hatten mit dem kommunistischen System endgültig abgeschlossen.

Stanislaw Platek (li.) mit Europaminister Dr. Holthoff-Pförtner beim Besuch 2019 im Zentrum für Freiheit und Solidarität Kattowitz (Foto: privat)

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