Mirko Bibl: „Tabuzone der Spaßgesellschaft verlassen“

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Lintorf. Etwa alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben, das sind mehr als 10.000 Menschen im Jahr. Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO betrifft jeder dieser Selbstmorde mindestens sechs weitere Menschen. Dennoch steht das Thema Suizid nach wie vor im gesellschaftlichen Abseits. Um das zu ändern, haben die International Association for Suicide Prevention (IASP) und die WHO im Jahr 2003 den Welttag der Suizidprävention, 10. September, ausgerufen. Mirko Bibl, Ärztlicher Direktor am Fliedner Krankenhaus erklärt, welche Rolle psychische Erkrankungen spielen und welche Punkte in der Suizidprävention zentral sind.

Der Gedanke, nicht mehr leben zu wollen, ist oft schambehaftet. Umso mehr, wenn die Gedanken einen Suizid zum Ziel haben. Viele Bertoffene schämen sich auch für ihre psychische Erkrankung. In einer Gesellschaft, die den Lustgewinn als oberste Lebensmaxime propagiert, gehören unangenehme oder traurige Gefühle nicht dazu und werden vor anderen oft versteckt. So bleibt viel Leid im Verborgenen, das nicht geheilt werden kann.

„Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie“ (Friedrich Nitzsche). Die Frage nach dem Sinn unseres Daseins spielt bei den meisten Suizidversuchen eine zentrale Rolle. In Zeiten von großem Leid kommt die Frage auf: Wofür das alles noch?!“ Und der Wunsch, das eigene Leid zu beenden, vielleicht sogar durch die Beendigung des eigenen Lebens. In der Suizidprävention liegt also ein wesentlicher Anstoß dazu, sich nach „Wellness“, „Fun“ und „Lifestyle“ auch gesellschaftlich mit der Sinnfrage neu zu beschäftigen. Es muss erlaubt sein, diese Frage zu stellen und sie nicht in der Tabuzone einer Spaßgesellschaft zu belassen. Natürlich kann die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens letztlich nur individuell beantwortet werden. Aber eine ernst gemeinte Entstigmatisierung kann nicht die Augen vor den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verschließen. Eine sinnvolle Prävention beginnt also letztlich mit einem Diskurs über das „Warum“ des Suizids – aber auch des Lebens.

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