Kein digitales Pendant für menschliche Nähe

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Mülheim/Lintorf. Corona – kaum eine Nachrichtensendung, kaum eine Zeitung kommt seit Frühjahr ohne das Wort in der täglichen Ausgabe aus. Dabei reichen die Blickwinkel in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zum internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember ist die Theodor Fliedner Stiftung Sprachrohr für ihre Klienten.

„Mein größter Weihnachtswunsch ist, alle wieder normal sehen zu können“, sagt Melanie von der Beeck. Die 42-Jährige wohnt selbstständig, betreut durch die Theodor Fliedner Stiftung. Was in Zeiten ohne Pandemie ein enormer Fortschritt für Menschen mit geistigen Behinderungen ist, kommt wie ein Bumerang in Lockdown-Zeiten zurück.

„Einigen Klientinnen und Klienten geht es nicht gut“, ordnet Sven Einwächter ein. Er ist Oberarzt der neuen Station für Menschen mit geistigen Behinderungen und seelischen Erkrankungen am Fliedner Krankenhaus Lintorf. Während Gesellschaft und Wirtschaft in der Pandemie Erfolge in der Digitalisierung feiern, Homeoffice oder Zoom-Hobby-Runden immer mehr an Alltagszeit gewinnen oder wo vorher schon WhatsApp und Facebook ein Telefonat ersetzten, ist es für Menschen mit Handicap nicht einfach.

„Es gibt kein digitales Pendant für menschliche Nähe“, beton Sabine Halfen vom Vorstand der Theodor Fliedner Stiftung. Gewohnte Tagesstrukturen – egal ob private oder durch Soziale Träger angebotene – brechen weg. Das Arbeitsleben hat sich geändert und auch die sozialen Kontakte. Gleichzeitig muss man bedenken, dass Menschen mit schwereren Handicaps gar nicht in der Lage sind, Video-, Sprach- oder Textnachrichten zu verfassen. Umso wichtiger sei es, die tagesstrukturierenden Angebote wie Arbeiten, Wohnen oder Freizeit aufrecht zu erhalten, wie es die Gesetzeslagen zulassen. Gerade auch in den besonderen Wohnformen. Fallen wesentliche Bestandteile von Möglichkeiten zur Teilhabe weg wie die temporäre Schließung von Werkstätten für Menschen mit Behinderung, bedarf es einer einfühlsamen Erklärung, die nicht immer ganz einfach ist.

Trotz allem gab es auch Mut machende Antworten auf die Frage wie sich Corona auf die Menschen auswirkt. Die Meinungen gehen von „Ich habe alleine gekocht“ bis hin zu „Ich habe Sachen gemacht, die ich sonst nicht so oft mache“. Diese Botschaften hängen an Infoboxen öffentlich aus. Passanten bleiben stehen und lesen sich die Botschaften durch. „Viele der uns und anderen Trägern anvertrauten Menschen, egal ob in der Eingliederungshilfe oder Altenhilfe, finden in der Diskussion nicht statt“, so der Tenor aus dem Vorstand der Theodor Fliedner Stiftung. Man habe sich an den Standorten mit allen Auflagen arrangiert und glücklicherweise zeigen viele Verständnis für die Handlungsanweisungen und Kontaktbeschränkungen. „Natürlich war es zu Beginn etwas schwierig, doch man hatte stets das Gefühl, man sitzt im gleichen Boot.“ Gemeinsam Perspektiven gestalten, das Leitbild der Theodor Fliedner Stiftung ist also gefragter denn je. Melanie von der Beeck hält daher nicht nur ihre privaten Kontakte über WhatsApp, sondern auch zur Theodor Fliedner Stiftung: „Ich bin froh, dass es das gibt, man macht das Beste daraus.“

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