Im Haus Bethesda sind die Hühner los

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Lintorf. Hildegard ist glücklich. So glücklich, dass sie ihr Glück mit allen anderen teilen möchte und es laut und deutlich herausposaunt. Alle sollen es hören: Hildegard hat ein Ei gelegt. Das kleine puschelige Tier ist eines von fünf deutschen Lachshühnern (ja, so heißen die wirklich), die leihweise auf dem weitläufigen Gelände des Hauses Bethesda picken, grasen und scharren.

52 Menschen mit Demenz leben in der Lintorfer Einrichtung der Theodor-Fliedner-Stiftung in gelungener Gemeinschaft mit den fedrigen Zweibeinern. „Rent a hen“ heißt das Projekt, das die Mitarbeiter im Haus Bethesda erst testweise und zugegebenermaßen mit großen Zweifeln, inzwischen aber mit Feuereifer und großer Leidenschaft betreiben. Im April dieses Jahres ist die gackernde und glucksende Hühnerschar eingezogen und erfreut wirklich alle: Bewohner, Angehörige, Mitarbeiter, Gäste.

Seit dem Hühnereinzug ist im Haus Bethesda nun jeden Tag Ostern. Die Hühner legen regelmäßig Eier, (nicht immer so vorbildlich wie Hildegard im kleinen Häuschen), sondern gerne auch mal versteckt auf dem Gelände. „Die sammeln wir natürlich ein und werden auch zusammen verzehrt“, betont Gisela Neldner.

„Ich war anfangs mehr als skeptisch“, gibt Einrichtungsleiterin Gisela Neldner ehrlich zu. Tiergestützte Therapie schön und gut – da denkt jeder an Hunde, Häschen oder auch mal Meerschweinchen. Auch Susanne Schmalenberg vom Sozialen Dienst hat die Idee anfangs erst belächelt. Doch kam dieser Aha-Effekt. “Es war ganz toll zu beobachten, welche Wirkung die Hühner auf die Bewohner hatten und wie manche Bewohner, die verbal sonst nicht mehr zu erreichen sind, plötzlich in Interaktion gehen.“

Inzwischen ist Susanne Schmalenberg nicht ohne Stolz selbsternannte erste Hühnerbeauftragte. Eine Bewohnerin habe morgens oft ein Stimmungstief und könne
schlecht in den Tag starten. „Dann kamen die Hühner. Jetzt hat die Bewohnerin ein Ziel und steht gerne auf, um sich um die Tiere zu kümmern“, so Susanne Schmalenberg.

Birgit Witt wundert die Hühner-Begeisterung nicht. Schließlich war sie es, die den Mitarbeitern das „Chicken-Sharing“ angeboten hat. Witt ist Lehrerin für Pflegeberufe im Fliedner Fachseminar und der Fliedner Akademie. Darüber hinaus hat sie eine Ausbildung in tiergestützter Therapie – und eben auch fünf Hühner auf ihrem Hof. Irgendwann kam sie mit ihrer Hühnerbande zu Besuch ins Haus Bethesda und der Idee, die Hühner auszuleihen bis zum Herbst. „Hühner machen nämlich im Winter gar keinen Spaß, aber genauso so viel Arbeit“, sagt sie augenzwinkernd.

Für die Mitarbeiter ein gutes Argument, sich auf das Projekt „Miet-Huhn“ einzulassen: „Für uns ist das eine große Sicherheit, mit Frau Witt auch immer eine Ansprechpartnerin zu haben, wenn ein Tier mal krank ist oder geimpft werden muss. Und wenn’s dann in die kalte Jahreszeit geht, nimmt Frau Witt die Tier wieder zu sich auf ihren Hof.“

Auch Angehörige Petra Schmidt ist total begeistert. „Man muss alles im Leben mal ausprobieren“, sagt sie lachend. Mittlerweile kommt sie immer sonntagmorgens, um die Hühner zu versorgen. Die Bewohner füttern dann mit. „Es entsteht immer eine Kommunikation zwischen den Tieren und den Menschen. Im Übrigen kommunizieren auch die Hühner mit den Menschen. Birgit Witt weiß: „Hühner können 40 verschiedene Laute erzeugen und damit ‚ihren‘ Menschen auch Namen geben.“

Apropos Namen: Hildegard ist derzeit das einzige Huhn mit Namen – soll es aber nicht bleiben. Auf dem diesjährigen Sommerfest wurden eifrig Namensvorschläge
gesammelt, sodass künftig alle tierischen Bewohner persönlich angesprochen werden können.

Foto: privat

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