Fliedner: Nicht jeder Patient kommt freiwillig

Werbung

Lintorf. Anlässlich der Inbetriebnahme der neuen geschützten Station hat das Fliedner Krankenhaus zum Frühjahrskolloquium eingeladen. Unter dem Thema „Patientenautonomie im Spannungsfeld der akutpsychiatrischen Versorgung.“ diskutierten Vertreter der Bezirksregierung, Sozialwesen, Feuerwehr, Polizei, der zuständigen Gerichte, Berufsbetreuer, Ärzte und das Behandlungsteam des Krankenhauses ethische Fragen in der Versorgung psychisch schwer erkrankter Menschen.

Dass das Thema Ethik und hierbei der Respekt vor dem Willen der Betroffenen inhaltlich im Zentrum standen, war Chefarzt Maximilian L. Meessen besonders wichtig. Vielerorts wird über offene Psychiatrien gesprochen – dabei trifft dies nur auf etwa 20 von 400 Psychiatrien in Deutschland zu. Im Fliedner Krankenhaus ist nur eine von neun Stationen geschützt. „Eskalationen müssen bestmöglich durch therapeutische Angebote vermieden werden“, empfiehlt Maximilian Meessen aus eigener Erfahrung. „Sicherungs- und Zwangsmaßnahmen können von Patienten traumatisierend erlebt werden. Sie können zu negativen Erwartungshaltungen führen und Behandlungsverläufe nachhaltig komplizieren.“ Basis eines Behandlungskonzeptes müsse stets der Aufbau einer verlässlichen therapeutischen Beziehung und die respektvolle Einbeziehung der Patienten in die Behandlungsplanung sein.

Nicht jeder Patient möchte sich freiwillig behandeln lassen. Mit dieser Herausforderung sind alle Teilnehmer des Kolloquiums immer wieder konfrontiert. Der Gesetzgeber setzt heute auf die informierte Einwilligung  bei einsichtsfähigen Patienten. Für die Zwangsbehandlung von nicht wirksam einsichtsfähigen Patienten sind die rechtlichen Hürden hoch. Die Hürden für Sicherungsmaßnahmen im Krankenhaus scheinen in der Praxis oft weniger hoch – so der Tenor einiger Diskussionsbeiträge von Teilnehmern des Kolloquiums. Dies könnte als Kehrseite wiederum das Risiko einer verwahrenden Psychiatrie erhöhen – nachdem historisch endlich zu einer mehr therapeutischen Psychiatrie gefunden wurde.

Dieses Dilemma griff Jacov Gather vom Institut für medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum auf. Er spannte in seinem Vortrag den Bogen zwischen dem Respekt vor dem Willen der Betroffenen, der Pflicht zur Fürsorge und den Interessen der Gemeinschaft. Als einen Lösungsansatz stellte Anna Werning, Genesungsbegleiterin und Peer-Wissenschaftlerin an der Universität Bochum die Integration von Genesungsbegleitern – also von Psychiatrieerfahrenen – in die psychiatrischen Behandlungsteams vor, deren Einführung im Fliedner Krankenhaus Ratingen angestrebt wird. „Die Integration von Peer-Genesungsbegleitern in die Behandlungsteams kann Zwang reduzieren“, berichtete Anna Werning auch auf der Basis eigener Studienergebnisse.

Claudia Ott, Fachvorstand für den Bereich seelische Gesundheit innerhalb der Theodor Fliedner Stiftung, lobte die Initiative des Fliedner Krankenhauses und aller an der Versorgung beteiligten Akteure, die Versorgung im lokalen Umfeld proaktiv zu gestalten und weiterzuentwickeln. Das nahmen alle Beteiligten prompt wörtlich und verständigten sich auf einen regelmäßigen Austausch zum Thema akutpsychiatrische Versorgung in Lintorf und Umgebung.

Maximilian Meessen (Foto: privat)

Werbung