Ergreifend: Benjamins Geschichte

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Lintorf/Mülheim. Als Hartmut Traub seine Lesung über das Schicksal seines Onkels Benjamin beendet, herrscht im Sitzungssaal des alten Rathauses Totenstille. Schließlich bricht Walburga Dörrenberg, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Lintorfer Heimatfreunde (VLH), das Schweigen. „Eine sehr ergreifende Geschichte, da können wir nicht klatschen“, fasst sie die Gefühlswelt der Teilnehmer an diesem Dienstagabend zusammen.

„Ein Stolperstein für Benjamin“ erzählt das dunkle Kapitel der Geschichte der Familie des Baptistenpredigers Karl Traub, seiner Frau und seiner vier Söhne. Darunter Benjamin, der mit der Diagnose „Jugendschizophrenie“ ins Räderwerk der NS-„Euthanasie“ geriet und am 13. März 1941 in der psychiatrischen Klinik Hadamar mit 62 weiteren Männern ermordet wurde.

Der in Mülheim lebende Hartmut Traub berichtet vom Leben seines Onkels, das so hoffnungsvoll begann. Er wollte Musiker werden. Doch 1931 wurde er mit der Diagnose Jugendschizophrenie in die Klinik in Bedburg-Hau eingewiesen. Den Rest seines Lebens verbrachte er dort, bis er 1940 nach Weilmünster verlegt wurde. Ein Jahr später, am 13. März 1941, unternahm er mit 62 anderen Männern der Klinik in Weilmünster eine Busfahrt, die in Hadamar endete. Noch am selben Tag waren alle 63 tot.

„Was mich am meisten schockiert hat“, sagte Hartmut Traub, „ist die Bürokratie, mit der die Ermordung hunderttausender Menschen organisiert wurde.“ Jeden Toten rechnete die Klinik mit der Krankenkasse ab, sie bekam ihren „Aufwand“ mit 2,50 Reichsmark vergütet.

In seiner Familie sei nie über den Onkel gesprochen worden. Und trotzdem habe sie bis weit über den Tod des Onkels die Familie beeinflusst. 1982 beging Traubs Bruder mit 29 Jahren Selbstmord. Für Traubs Vater, wie er dessen Tagebüchern später entnehmen konnte, lag die Schuld im „Bluterbe“ der schrecklichen „Erbkrankheit“ des Onkels.

„Die NS-Ideologie wirkte immer noch“, so Hartmut Traub. Er ist enttäuscht, dass die Euthanasie-Opfer in Deutschland bis heute nicht als Verfolgte des NS-Regimes gelten. „Es geht nicht um Entschädigung“, so Traub zum Abschluss, „wir wünschen uns nur etwas mehr Gerechtigkeit für meinen Onkel.“

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