Ein Stück Mittelalter entdeckt

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Ratingen. Steinerne Zeugen der Vergangenheit wurden im Februar bei Bauarbeiten in der Grabenstraße entdeckt. Die Reste einer Mauer, die vermutlich das Ratinger Vordorf Vowinkel bis zum Dreißigjährigen Krieg umschlossen hat. „Durch diesen Fund können wir die spätmittelalterliche Geschichte Ratingens um ein spannendes Puzzlestück ergänzen“, sagt Stadtkonservator Jan Richarz. Die Mauerreste unter der Straße wurden archäologisch gesichtet und dokumentiert, bevor die Stadtwerke die Arbeiten zur Verlegung von Fernwärmeleitungen nach kurzer Pause fortsetzen konnten.

Wo die eigentliche Ratinger Stadtmauer verläuft, ist auch im heutigen Stadtbild an vielen Stellen sichtbar. Im Mittelalter bildeten sich jedoch vor den Stadttoren drei Vordörfer (Oberdorf, Bechem und Vowinkel), vermutlich als Folge eines Bevölkerungswachstums, für das innerhalb der Stadtmauern nicht genug Platz war. Wer draußen vor den Toren wohnte, lebte im kriegerischen Mittelalter gefährlicher. So wurden im Jahr 1405, während der Zweiten Kalkumer Fehde, als Söldner des Kölner Erzbischofs Ratingen angriffen und besetzten, die Vordörfer niedergebrannt. 1425 waren im Ratinger Stadtbuch dann wieder 28 zahlende Hauseigentümer im  Bezirk Vowinkell registriert. Die Abgaben waren mutmaßlich niedriger als diejenigen der Stadtbürger. Im Jahr 1444 sollten sie ganz erlassen werden – als Anreiz zum Bau einer Befestigung. 

Diese Befestigungen sind dann wohl tatsächlich errichtet worden, allerdings gab es in Bezug auf Vowinkel keine Nachweise zur Beschaffenheit und genauen Lage. Nur von der einstigen Befestigung des Oberdorfs gibt es heute noch einen kleinen sichtbaren Rest. Bekannt ist, dass die Befestigungen der Vordörfer nicht mit der Stadtmauer verbunden und weniger massiv waren (bis hin zur Hypothese, dass Vowinkel lediglich durch eine Holzbefestigung umschlossen gewesen war). Das Ende der Vordörfer und ihrer Befestigungen kam im Dreißigjährigen Krieg, als die gesamte Stadt durch kaiserliche Truppen verwüstet wurde. Danach hatte Ratingen nur noch 140 Einwohner, die fanden leicht innerhalb der Stadtmauer Platz. 

Urkundliche Zeugnisse gaben immerhin Hinweise auf den möglichen Verlauf der Dorfmauer. Daher erließen die Untere Denkmalbehörde und das Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland die Auflage einer archäologischen Begleitung, als die Stadtwerke ihre Leitungsarbeiten in der Grabenstraße anmeldeten. Es war insofern keine vollständige Überraschung, als die Arbeiter in etwa zwei Metern Tiefe eine Mauer aus Bruchsteinen freilegten.

Die Mauer setzt direkt auf dem Fels an und ist etwa 60 Zentimeter breit. Die einfachen Bruchsteine sind mit einem weichen Mörtel versetzt. Auf der Seite, die der Stadt zugewandt ist, wurde eine Verfüllung mit Funden aus der Frühen Neuzeit dokumentiert, die noch genauer datiert werden müssen. Es sieht also so aus, als sei die spätmittelalterliche Befestigung des Vordorfs Vowinkel eine Mauer aus Bruchstein gewesen, und zum ungefähren Verlauf eines stadtseitigen Ausschnitts gibt es ein dokumentiertes Zeugnis.

„Wir nehmen an, dass die Leitungsarbeiten die Mauer angeschnitten haben und im weiteren Verlauf das kleine Tor namens Vowynckler Porte gelegen hat“, sagt Jan Richarz. Ob sich jemals weitere Zeugnisse finden, ist ungewiss. Vermutlich wurden die Steine der Mauer nach dem Dreißigjährigen Krieg anderweitig als Baumaterial verwendet.

Archäologin Cordula Brand sichtet die unter der Grabenstraße gefundenen Mauerreste. (Foto: Stadt Ratingen)

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