Claudia Amm liest aus „Marias Testament“

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Ratingen. Am Donnerstag, 30. Mai, wird die Schauspielerin Claudia Amm aus dem Roman von Colm Toibin („Marias Testament“) lesen. Die passenden musikalischen Beiträge kommen an diesem Abend vom Tragödchen-Duo Charlotte und Bernhard Schultz. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr im Buch-Café Peter und Paula, Grütstraße 3-7.

Maria glaubt nicht daran, dass sie die Mutter Gottes ist. Sie weiß nur, dass ihr Sohn auf die entsetzlichste Weise hingerichtet wurde und „dass der verfluchte Schatten dessen, was geschehen war“, sich niemals verziehen wird. Sie ist alt und lebt jetzt in Ephesus. Sie nimmt allmählich von der Welt Abschied. Zwei Männer, „Jünger“ ihres Sohnes, besuchen sie regelmäßig und stellen immer wieder dieselben Fragen. Sie sind auf ihr Zeugnis aus, aber nicht an der Wahrheit interessiert. Sie hören nur, was sie hören wollen. Sie schreiben bereits am Mythos. Nichts darf dessen Macht und Wirkkraft stören, nichts das Bild vom Sohn Gottes trüben.

Doch Maria hält ihre Erinnerungen, ihre Empfindungen dagegen, sie erzählt: „Ich sage nicht deswegen die Wahrheit, weil sie die Nacht zum Tage machen kann oder die Tage in ihrer Schönheit tröstend für uns dehnt, die wir alt sind. Ich spreche einfach deswegen, weil ich es kann, weil genug geschehen und weil die Gelegenheit dazu vielleicht nie wiederkommen wird.“

Sie, die ihren Sohn liebte, musste zusehen, wie er in seiner Rolle als Wundertäter und Prophet aufging, „Nichtsnutze“ um sich scharte, eine Horde ungefestigter junger Männer, die ihn in ihrer Bewunderung überhöhten und zu ihrem gottgleichen Anführer machten, dem Gottessohn. Toibins Maria misstraut den Freunden ihres Sohnes, sie berichtet von den Wundern, wie etwa von der Auferweckung des Lazarus von den Toten. Sie hat Angst um ihren Sohn und versucht, ihn zu warnen, die drohende Verhaftung abzuwenden. Maria war bei der Kreuzabnahme nicht dabei. Sie war von der Richtstätte geflohen, aus Angst um ihr eigenes Leben. Das quält sie seither: „Ich war dort. Ich floh, bevor es vorbei war, aber wenn ihr Zeugen braucht, dann bin ich eine Zeugin, und wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war. Das war es nicht wert.“

Foto: privat

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