Anti-Drogentag: Eine Antwort auf die Statistik

Werbung

Lintorf/Mülheim. Am Montag, 26. Juni, ist Internationaler Anti-Drogentag, ausgerufen durch die Vereinten Nationen. Erst kürzlich hat der Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung für Erschütterung gesorgt: mehr Drogentote, höhere Zahlen für stationäre Abhängigkeitsbehandlung in den Psychiatrien. Aus dem Fachbereich Seelische Gesundheit der Theodor Fliedner Stiftung hat sich nun das Fliedner Netzwerk Suchthilfe gegründet. Ziel ist es, die unterschiedlichen Hilfsangebote der Stiftung zusammenzuführen, um Betroffene bedarfsgerecht und umfassend beraten und unterstützen zu können. Eine der Forderungen für eine wirksamere Suchthilfe: zusätzlich bestehende seelische Erkrankungen erkennen und integrativ behandeln, Mischkonsum als solchen therapeutisch einbeziehen und jugendliche Erkrankte besser erreichen.

In der Aktionswoche Alkohol 2017 mit dem Schwerpunkt „Alkohol und Verkehr“ im Forum Mülheim hatte das Netzwerk seinen ersten öffentlichen Auftritt in Kooperation mit anderen regionalen Suchthilfeeinrichtungen. Ein Berg Leergut stellvertretend für den durchschnittlichen jährlichen Alkoholkonsum eines Zweipersonen-Haushalts, eine Rauschbrille für die Erfahrung von Überkonsum, ein Fahrsimulator, der die Einschränkungen beim Autofahren im Rausch erlebbar macht – der Auftritt des Netzwerks Suchthilfe im Forum in Mülheim an der Ruhr hatte ein klares Ziel: Alkoholsucht für Nicht-Süchtige erfahrbar machen, Betroffene und Angehörige über die Hilfeangebote informieren und zur Veränderung ermutigen. Kurz nach Veröffentlichung der Suchtstatistik steht die Frage: Warum sterben immer noch so viele Menschen an Alkohol- und Drogenkonsum?

Maximilian Meessen, Leitender Oberarzt des suchtmedizinischen Bereiches und der zugehörigen Suchtambulanz des Fliedner Krankenhauses in Lintorf, sieht einen wichtiges Problem darin, dass Abhängigkeitserkrankte gehäuft auch an anderen seelischen Störungen leiden – und umgekehrt:  „Treten gleichzeitig mit einer Abhängigkeit andere seelische Erkrankungen auf, so ist grundsätzlich eine ungünstigere Prognose und auch eine höhere Sterblichkeit – unter Einschluss eines erhöhten Suizidrisikos – zu erwarten.“

Therapeutisch empfiehlt er eine integrative Behandlung, bei der die Besonderheiten einer zusätzlich vorliegenden seelischen Erkrankung in die Suchtbehandlung mit einbezogen werden. „Deswegen bauen wir im Fliedner Krankenhaus Lintorf einen integrativen Versorgungsschwerpunkt auf, der dem individuellen Hilfebedarf und den besonderen Erwartungen der Betroffenen gerecht werden kann.“ Maximilian Meessen und seine Kollegen hoffen, dass durch diesen integrativen Behandlungsansatz – zum Beispiel auch bei jüngeren Patienten mit Substanzkonsum und Persönlichkeitsstörungen –  der steigenden Zahl der Drogentoten besser begegnet werden kann.

Denn die Behandlungszahlen zeigen: Jüngere Patienten schaffen es eher selten in helfende Einrichtungen. „Dem müssen wir begegnen“, fordert Stefan Fleuth, Leiter des soziotherapeutischen Zentrums Haus Engelbert, das chronisch suchtkranken Menschen ein Wohn- und Lebenskonzept an die Hand gibt. Neben einem Mangel an Krankheitseinsicht, wenig vorhandenem Leidensdruck oder schlicht „jugendlicher Selbstüberschätzung“ liege das Problem auch im Mischkonsum verschiedener Substanzen, so Fleuth.

„In der medizinischen Rehabilitation Alkohol- und Medikamentenabhängiger sehen wir in den letzten Jahren einen zunehmenden Mischkonsum im Sinne einer zusätzlichen Abhängigkeit von illegalen Substanzen insbesondere auch bei unseren jüngeren Rehabilitanden“, berichtet Olaf Lask, Leiter der Rehabilitationseinrichtung Fachklinik Haus Siloah in Lintorf. „In diesen Fällen ist die noch immer praktizierte – oftmals recht starre – Trennung von Drogenrehabilitation einerseits und Alkohol- und Medikamentenentwöhnung andererseits nicht mehr durchgehend zielführend. Daher nimmt die Fachklinik Haus Siloah in ihrem Konzept auf veränderte Konsummuster ausdrücklich Bezug und macht auch diesem Personenkreis ein therapeutisches Angebot.“

Foto: Fliedner

Werbung

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.