146,5 – was an der Autobahn wirklich zählt

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Gelsenkirchen. Sie bilden quasi eine Allee – so dicht stehen die kleinen blauen Schilder rechts und links der Autobahn. Wobei „klein“ auch nur im Vergleich mit den überdimensionalen Wegweisern passt. Denn die Kilometertafeln sind mit 55 Zentimetern Breite und 26 Zentimetern Höhe immerhin mehr als doppelt so groß wie ein DIN-A4-Schulheft. Für den schnellen Blick aus dem mit 130 Stundenkilometer dahinfliegenden Fahrzeug gerade einmal groß genug, um wahrgenommen zu werden. Immerhin taugen die Blechschilder dazu, die lange Reise für Kinder für eine kleine Weile zu verkürzen. Augen zu und schätzen, wie weit man beim nächsten Blinzeln gekommen ist. Von 146,5 bis 152,0 – immerhin ein Anhaltspunkt auf dem Weg von Irgendwo nach Nirgendwo.

Aber was soll uns die 146,5 eigentlich sagen? Ist es nur deutsche Gründlichkeit, den Autobahnen ein Maßband anzulegen? Entfernungsmarken gibt es bereits seit dem Altertum. Auf den Römerstraßen lagen zum Beispiel Steine neben den Straßen. Die Kilometrierung erfolgt heute in der Regel nur bei überörtlichen Straßen oder wichtigen Straßenverbindungen und wird nahezu in der ganzen Welt praktiziert. „Die Tafeln können Leben retten“, nennt Benjamin Pier, Leiter des Referates Verkehr bei Straßen.NRW, einen der wichtigsten Gründe für den kleinen Schilderwald am Fahrbahnrand.

Bei einem Unfall wüssten die Beteiligten oft nicht, welche Anschlussstelle sie gerade passiert haben. „Es kann ja auch schon eine Weile her sein, dass eine solche Ausfahrt Aufschluss gegeben hat, wo man sich gerade befindet“, so Pier. „Und wer schaut da immer genau hin, wenn noch viele Kilometer vor ihm liegen?“ Nennt ein Verkehrsteilnehmer aber die Autobahnnummer, die Fahrtrichtung und die Zahl auf der Kilometrierungstafel, wüssten Polizei, Rettungsdienst oder auch der Pannenhelfer sofort, wo sie die Hilfe hinschicken müssen.

Wichtig für die Arbeitsorganisation

Für den Notfall haben die blauen Tafeln also einen hohen Nutzwert. Doch auch im Alltag sind sie für die Straßen.NRW-Meistereien unverzichtbar. Denn die Kilometrierung dient den Straßenwärtern nicht nur zur Orientierung, wenn es zum Beispiel um die Dokumentation von Schadstellen geht, sie teilt die Autobahn auch in Abschnitte ein, die für die Arbeitsorganisation wichtig sind. Beauftragte Firmen können so angewiesen werden, zwischen Kilometer 146,5 und 152 kranke Bäume zu fällen oder den Asphalt auszubessern. „Gerade auf Strecken mit wenig Anschlussstellen sind wir darauf angewiesen, die Kilometrierung als Angabe zu nutzen“, sagt Benjamin Pier.

Alle 500 Meter steht in der Regel eine Tafel mit einer Kilometerangabe am Rand der Autobahn. Und zwar in beiden Fahrrichtungen die gleiche. „Gezählt wird in der Regel von Süd nach Nord oder von West nach Ost“, erklärt Pier das Grundprinzip der Kilometrierung. Was einfach klingt, ist allerdings ein komplexes System mit allerlei Ausnahmen. Auf manchen Strecken wird – zum Beispiel weil das Bundesland wechselt – die Kilometrierung wieder auf Null gesetzt. Die A1, die mit 749 Kilometern Länge von Saarbrücken bis nach Heiligenhafen führt und nach der A7 und der A 3 die drittlängste Autobahn der Republik ist, ist in vier Abschnitte geteilt. Wobei vom Kreuz Hamburg-Ost Richtung Norden aufsteigend gezählt wird, in Richtung Süden absteigend bis zur Landesgrenze mit Niedersachsen. Ab da folgt weiter mit dem Blick nach Süden der längste Abschnitt bis zum vorläufigen Ausbauende bei Blankenheim in der Eifel, um schließlich ab Kelberg in Rheinland-Pfalz noch einmal mit Kilometer 67,6 Richtung Saarbrücken zu starten.

Damit ist die A1 ein gutes Beispiel, warum es Sprünge und Wechsel zwischen aufsteigender und absteigender Kilometrierung gibt. Wie hier mit der Lücke vor der Landesgrenze nach Rheinland-Pfalz haben nicht alle Autobahnen einen durchgehenden Streckenverlauf. Die Autobahnen können unterbrochen sein, weil sie noch nicht fertiggestellt wurden oder die Verkehrsführung ein Stück weit über eine Bundesstraße erfolgt. Dort ist die Kilometrierung dann wie auch beim „Sprung“ über die Landesgrenze nicht immer kontinuierlich.

Zusätzliche Systematik

Während die blauen Tafeln für die Verkehrsteilnehmer auf den Autobahnen während der Fahrt ein Fortkommen signalisieren und Polizei und Rettungskräften schnelle Orientierung bieten, gibt es noch eine unscheinbarere Systematik, die die ursprünglich genutzten echten Kilometersteine nach und nach auch an Bundes- und Landesstraßen ersetzt hat: das Stationierungszeichen. An der Spitze von Leitpfosten versammelt ein solches Zeichen alle 200 Meter mindestens drei Informationen – die Straßenbezeichnung, die Abschnittsnummer sowie den genauen Standort des Stationszeichens mit Angabe der Station. Alle Straßen sind mit Hilfe der Knotenpunkte – also Kreuzungen, Einmündungen, Kreisverkehre oder an Autobahnen Kreuze und Anschlussstellen – in Abschnitte unterteilt. Diese Unterteilung verhindert, dass zum Beispiel beim Bau einer Ortsumgehung auf einer Bundes- oder Landesstraße die fortlaufende Zählung der Streckenkilometer durcheinander gerät. An den Autobahnen wird zusätzlich aber weiterhin „weiß auf blau“ gezählt: 146,5, 147, 147,5, …

Foto: Straßen.NRW

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