Vom Tagebau zum Naturparadies

Vom Tagebau zum Naturparadies

Senftenberg (tpr). Es war wie vor 10 000 Jahren nach der letzten Eiszeit: Sand, Steine und kaum Leben. Doch diesmal hatten nicht mächtige Gletscher die Natur zurück auf Null gesetzt, sondern gigantische Bagger. Mehr als 150 Jahre prägte der Braunkohlebergbau die Lausitz zwischen Berlin und Dresden. Und wo Gruben ausgebeutet waren, blieben staubige Wüsten zurück. In diesen nährstoffarmen Landschaften mit Restlöchern, aus denen Seen entstehen sollten, sahen Naturschützer schon vor Jahren Potential. Sie kauften dem Bergbausanierer große Flächen ab, pflegten diese oder überließen sie der Natur, die sich seitdem Stück für Stück ihr Revier zurückerobert. Zu Fuß oder mit dem Rad, individuell oder geführt können Interessierte die sich wandelnde Landschaft erkunden und dabei einen faszinierenden Prozess beobachten, der sich hier vermutlich nur einmal abspielt. Der Herbst ist ideal dafür.

Das größte Naturschutzgebiet mit rund 5800 Hektar Fläche entstand im Jahr 2001 im sächsischen Teil des Lausitzer Seenlandes nördlich von Hoyerswerda: das Naturschutzgroßprojekt Lausitzer Seenland. Aus den monotonen Kiefernwäldern, die der Bergbausanierer angelegt hatte, entwickeln die Naturschützer wieder lausitztypische Mischwälder mit Eichen, Linden, Buchen und Kiefern. Auf Sandtrockenrasen und Feuchtheiden weiden seltene Nutztierassen wie Leineschafe und Heidschnucken. Das schützt die Flächen vor zu viel Gehölz. Heckrinder und Wildpferde pflegen die steppenähnlichen Offenlandflächen.

Diese Gebiete sind schon heute Lebensraum für viele bedrohte Vogelarten wie Brachpieper, Ziegenmelker und Wiedehopf. Jedes Jahr brüten Kraniche an den Bergbaufolgeseen, deren strukturreiche Ufer genügend Schutz für den Nachwuchs bieten. Auch der europäische Grauwolf streift durch das großflächige Areal. Zertifizierte Natur- und Landschaftsführer begleiten Gäste während dreistündiger Rad- oder Wandertouren. Dabei erfahren sie unter anderem, warum die Pflanzenentwicklung im Lausitzer Seenland tatsächlich mit der Phase nach der Eiszeit zu vergleichen ist und wie ökologischer Waldumbau funktioniert.

Ein weiteres Schutzgebiet ist zwischen 2003 und 2006 im brandenburgischen Teil des Lausitzer Seenlandes entstanden. Das Naturparadies Grünhaus, nördlich von Lauchhammer gelegen, umfasst eine Fläche von fast 2000 Hektar.

Unter dem Motto „Natur wieder Natur sein lassen“  bewahrt die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe die stillgelegten Tagebauareale, die sich zu einer vom Menschen unberührten Wildnis entwickeln sollen. In den entstehenden Wald wird im Gegensatz zum Naturschutzgroßprojekt Lausitzer Seenland nicht eingegriffen. Schafherden weiden aber auch hier, um das Grasland offen zu halten. Mittlerweile konnten sich so 3000 Pflanzen- und Tierarten ansiedeln.

Seit diesem Jahr führen zwei Panoramawege durch das Naturparadies. Im Herbst können Wanderer an der Innenkippe beobachten wie Hunderte Kraniche und Tausende Wildgänse allabendlich zu ihren Schlafplätzen fliegen. An den Tümpeln im Mainzer Land geben Kreuzkröten ein Konzert. Für wissbegierige Naturfreunde gibt es regelmäßig geführte Exkursionen wie die Radtour „Neue Wildnis nach der Kohle“ am 30. September oder die Exkursion „Auf den Spuren von Nils Holgersson – Exkursion zum Schlafplatz der Wildgänse“ am 14. Oktober.

Frühe Spuren des Kohlebergbaus lassen sich im UNESCO Geopark Muskauer Faltenbogen / Łuk Mużakowa wiederfinden. 1843 eröffnete hier an der heutigen Grenze zu Polen die erste Grube, zeitweise waren über 60 gleichzeitig aktiv. Neben der Braunkohle wurde auch Ton und Glassand abgebaut. Die Restlöcher haben sich längst gefüllt und schimmern in den Farben grün, türkis, gelb, schwarz und rostbraun. Das liegt an der unterschiedlichen Zusammensetzung des Bodens und des Wassers, der Tiefe, des pH-Wertes und des Lichteinfalls. Ausgedehnte Wälder umgeben die 400 Seen. Auf der 22 Kilometer langen „Altbergbautour“ erleben Radfahrer eine typische Bergbaulandschaft des 19. und 20. Jahrhunderts. Info-Tafeln erklären die geologischen Besonderheiten des Muskauer Faltenbogens, der durch die Gletscher der Eiszeit entstand, ein Aussichtsturm gewährt neue Sichtweisen. Individuelle Führungen können über die Geopark-Geschäftsstelle gebucht werden.

Ein beliebtes Ausflugsziel im Herbst ist der Findlingspark Nochten. Wenn sich die Blätter der jungen Laubbäume verfärben, Sommerheide, Herbstzeitlose und Herbstastern blühen und sanfter Morgennebel die Landschaft einhüllt, entfaltet der europaweit einzigartige Landschaftsgarten seinen besonderen Reiz. 7000 Findlinge aus der Eiszeit, die in den ehemaligen Tagebauen gefunden wurden, sind auf der rekultivierten Fläche des Tagebaus Nochten zu einem Steingarten arrangiert. Über Brücken und Hügel vorbei an Bächen und Wasserkaskaden erkunden Besucher die neue Landschaft.

Erste Anlaufstelle für Information über die Naturparadiese im Lausitzer Seenland ist die Internetseite des Tourismusverbandes. 

Foto: Elfi Malz